
- WIR EMPFEHLEN
- 1989 · 12 Titel · 37 Min.
Stabat mater in f-Moll
P. 77
Köstliche Dissonanzen, ansteckende Rhythmen und das Gefühl, dass die Engel die ausdrucksstarken melodischen Linien diktiert haben müssen, gehören zu den kühnen Markenzeichen von Giovanni Battista Pergolesis „Stabat Mater“. Das Werk wurde um 1736 für zwei Kastratensänger und Streicher geschrieben. Es scheint die Antwort des jungen Komponisten auf eine Vertonung desselben Textes (und für dieselbe Besetzung) gewesen zu sein, die Alessandro Scarlatti 1724 in Neapel angefertigt hatte. Es wurde möglicherweise in Auftrag gegeben, um diese im Repertoire der jährlichen Karfreitagsmeditation einer adligen neapolitanischen Bruderschaft zu ersetzen. Pergolesis Komposition zeigt eine zutiefst bewegende Vision der Mutter Christi am Fuße des Kreuzes, deren Leiden und Mitgefühl in so ergreifenden Arien wie „Vidit suum dulcem natum“ und „Eia mater, fons amoris“ und dem herzergreifenden Duett „Quis est homo qui non fleret“ kristallklar zum Ausdruck kommen. Der romantische Mythos, den der Marquis von Villarosa in den frühen 1830er-Jahren vom Hörensagen heraufbeschwor, trug zum Ruhm von Pergolesis „Stabat Mater“ bei. Der erste Biograf des Komponisten schmückte seine wissenschaftlichen Forschungen mit der Geschichte aus, dass der todkranke Pergolesi sich gezwungen sah, sein geistliches Werk zu vollenden. Die Darstellung führt aus, dass er das gerade fertiggestellte Manuskript bei seinem Tod kurz nach seinem 26. Geburtstag in den Händen hielt. Obwohl das Stück nachweislich Monate zuvor für die neapolitanische Kirche Santa Maria dei Sette Dolori geschrieben worden war, passte die Geschichte vom Sterbebett zu einer Komposition, die Mitte des 18. Jahrhunderts Kultstatus erlangte. Das „Stabat Mater“, das 1749 erstmals in London veröffentlicht wurde, verbreitete sich wie ein Lauffeuer dank unzähliger handschriftlicher Kopien, von denen eine von Johann Sebastian Bach an einen deutschen Text angepasst wurde. Jährlicher Aufführungen in Paris zogen die riesige Menschenmengen an und brachten die Stadt zum Stillstand.