Partita Nr. 2 für Violine in d-Moll

BWV 1004

Obwohl Johann Sebastian Bach sicherlich einer der herausragenden Tastenspieler seiner Zeit war, begann er seine Karriere als Geiger. Er zog es vor, das Orchester in Köthen von der Streichergruppe aus zu dirigieren, und dank seiner Freundschaft zu Größen der Zeit wie Johann Paul von Westhoff und Johann Georg Pisendel kannte er das Instrument in- und auswendig. Wie tief dieses Verständnis war, lässt sich an den „Sei Solo“ (Sechs Soli) für Violine ohne Bassbegleitung ablesen, die Bach 1720 in einem Manuskript zusammenfasste. Als Spitzenstücke der deutschen Geigentradition werfen sie einen neugierigen Blick auf Entwicklungen andernorts. Sie umfassen drei Partiten, die in ihrer Leichtfüßigkeit an Bachs „Französischen Suiten“ erinnern, und drei Sonaten, die der klassischen Form der Kirchensonate folgen und in denen sich langsame und schnelle Sätze abwechseln. Mit ihrer robusten Allemanda, der sprunghaften Corrente, der schwermütigen Sarabanda und der fließenden Giga entspricht die „d‑Moll-Partita“ allen Erwartungen an ein Stück, das sich auf die altehrwürdige Tanzfolge der „Französischen Suite“ bezieht. Was dann folgt, ist jedoch ebenso unerwartet wie überwältigend: Bach krönt sein ohnehin imposantes Werk mit einer Reihe von 64 Variationen, die – in dieser Reihenfolge – intim, vertraulich, überschwänglich und geradezu virtuos werden. Basierend auf einer wiederkehrenden harmonischen Struktur gliedert sich die Ciaccona in drei ausgedehnte Abschnitte: Im Zentrum steht der bewegende Mittelteil in D‑Dur, der immer lebhafter wird. Im Nachhinein wird deutlich, dass alle Teile der Partita zu diesem Satz geführt haben: Die Sarabanda verweist bereits subtil auf die kommende Harmonie, während sich die Giga mit ihrem langgliedrigen und glatten 12/8-Takt mit Dynamik zurückhält und so genug Raum für die Ciacconna lässt. Einige Choral-Zitate, die in der Partita versteckt sind, lassen vermuten, dass Bach hier einen Subtext zur Passion Christi ansiedelte. Sie könnte jedoch auch eine deutlich persönlichere Bedeutung haben: Bachs Frau Maria Barbara starb 1720, während er auf einer Reise im böhmischen Karlsbad war, das mit 17 Minuten umfangreichste Teilstück der Partita mag also auch eine Art Trauermusik sein.

Ähnliche Werke