Seit Jahrzehnten steht das Kronos Quartet aus San Francisco für einen unverwechselbaren Denkansatz in der Kammermusik. Es erlaubt sich Blicke in andere Genres, war häufig auf Popproduktionen zu hören, hatte dabei aber nie Angst vor der Avantgarde. „Glorious Mahalia“ ist nun ein ebenso ambitioniertes wie reflektierendes Projekt und zugleich ein Brückenschlag in eine neue Musikrichtung. Das Album erinnert an die Gospellegende Mahalia Jackson und setzt sich mit der kulturellen und politischen Bedeutung ihres Lebenswerks auseinander. Ausgangspunkt ist ihr legendärer „Tell them about the dream!“‑Zuruf an Martin Luther King Jr. beim March on Washington 1963 sowie weiteres Archivmaterial.
In den Stücken, in denen mit alten Aufnahmespuren der 1972 verstorbenen Sängerin gearbeitet wird, tritt das Quartett naturgemäß etwas in den Hintergrund und überlässt ihrer Stimme die zentrale Rolle. So fungieren die Streicherstimmen um „Sometimes I feel like a motherless child“, eine Aufnahme aus den 1930er‑Jahren, eher als Textur. Und doch berichten auch sie von Einsamkeit und Verzweiflung. „God Shall Wipe All Tears Away“ setzt in der Neubearbeitung durch Jacob Garchik hingegen auf gedämpfte Streicher und auf Klangbearbeitungen, die an die Spiritualität alter Aufnahmen erinnern. Das abschließende, „Peace Be Till“ betitelte Drittel verbindet Interviews mit musikalischen Passagen. In Summe ergibt das ein Album, das nicht nur retrospektiv wirkt, sondern auch Fragen stellt, die erstaunlich gegenwärtig anmuten.