

Vor uns breitet sich eine flache Landschaft aus – während wir diese Wüste durchqueren, tauchen längst vergessene Gebäude am Horizont auf. Nach und nach formen sich einzelne Klänge zu Zellen, zu klanglichen Spuren, die einen Weg durch das Unbekannte zeichnen. Die Instrumente wirken vertraut, stammen jedoch vollständig aus der Vorstellungskraft von Thomas Bangalter. Unter brennender Hitze bewegen wir uns weiter durch diese futuristische Welt. Formen zerfallen und setzen sich neu zusammen – nichts ist, wie es zunächst scheint. Dies ist „Mirage“, das titelgebende Ballett für 16 Tänzer:innen: ein elektronisches Klanggemälde, entstanden in Zusammenarbeit mit dem Choreografen Damien Jalet und dem Künstler Kohei Nawa. „Die Klangwelt hat rituelle Aspekte – es ist die Vorstellung einer Zeremonie aus einer unbekannten Zeit und einer vergangenen Zivilisation“, erzählt Bangalter Apple Music Classical. Die Musik von „Mirage“ bewegt sich zwischen atmosphärischem Elektro-Minimalismus und rhythmischen Beats, durchsetzt von glockenartigen Klängen und schimmernden Klangfarben. All diese Sounds entstehen aus elektronischen Wellenformen statt aus Samples und verwischen so die Grenze zwischen realen und erfundenen Instrumenten. „Es ist elektronische Musik, aber es ist keine programmierte Musik“, sagt Bangalter, der – ähnlich wie Iannis Xenakis – Computertechnik mit traditioneller Komposition verbindet. „Ich nutze elektronische Werkzeuge, die Gestik und Spontaneität zulassen, sodass Klangpunkte beinahe wie ein Gemälde von Jackson Pollock wirken.“ Es ist das ideale Medium, um die namensgebenden unheimlichen Fata-Morgana-Phänomene darzustellen, die durch besondere Wetterbedingungen entstehen, und um die rastlose Suche nach Bedeutung einzufangen. Die Musik ist trügerisch: Sie wirkt statisch, entwickelt sich aber stetig weiter. „Es ist wie beim Blick auf die Sonne oder den Mond“, erklärt Bangalter. „Wenn man einen Sonnenaufgang beobachtet, scheint zunächst nichts zu passieren. Schaut man erneut hin, hat sich alles verändert.“ Die wiederkehrenden Fragmente formen eine Art Elektro-Minimalismus, bei dem die Klangfarbe wichtiger ist als die Tonalität. Dank mikrotonaler Stimmungen kann Bangalter mit feinsten Tonabständen arbeiten – vom Halbton bis zu einem Dreißigstel oder Fünfzigstel eines Tons. Anstelle von Melodien lässt er sich von Naturgeräuschen inspirieren, etwa vom Knistern eines Feuers oder dem Fluss eines Stroms. Für den Musiker, der gemeinsam mit Guy-Manuel de Homem-Christo als Daft Punk House-Klassiker wie „Around the World“, „Harder, Better, Faster, Stronger“ und „One More Time“ schuf, bedeutet das einen deutlichen Perspektivwechsel. Mit Ballettmusik kennt sich Bangalter allerdings bereits aus: Für den Choreografen Angelin Preljocaj und das Orchestre National Bordeaux Aquitaine komponierte er 2022 „Mythologies“. Der Entstehungsprozess unterschied sich jedoch deutlich von „Mirage“. „An ‚Mythologies‘ habe ich über ein Jahr gearbeitet, bevor Angelin mit dem Choreografieren begann“, erinnert er sich. „‚Mirage‘ entstand eher wie eine Filmmusik. Wir entwickelten die Bewegungen in Kyoto, und anschließend vertonte ich sie.“ Die Choreografie spiegelt den skulpturalen Umgang mit Klangfarben wider – und umgekehrt. Der zweite Teil erzeugt eine beinahe klaustrophobische Spannung, während die Musik zunehmend rhythmischer wird. Das erinnert an klimatische Katastrophenszenarien und den Zerfall gesellschaftlicher Strukturen. Die schimmernden Teile IV und V greifen das zentrale Motiv imaginierter Objekte auf, während die abschließenden Teile VII und VIII diese neue Welt erkunden. Anders als im klassischen Ballett, bei dem die Musik meist von den Bewegungen bestimmt wird, folgt „Mirage“ seinem eigenen Tempo. „Es ist eher wie eine lebende Skulptur“, sagt Bangalter. Angesichts der Art und Weise, wie „Mirage“ komponiert wurde, überrascht es kaum, dass das Werk nicht für Live-Aufführungen gedacht ist. Bangalter nahm die Musik auf und produzierte sie, wobei er die entstandene Aufnahme als die reinste Form des Werks versteht. „‚Mirage‘ ist eine Collage aus Schichten, Bearbeitungen und spontanen Einfällen, die nicht wieder dekonstruiert werden soll. Es ist ein wenig wie ‚musique concrète‘“, sagt er mit Verweis auf die experimentelle Musik der 1940er-Jahre, die mit aufgenommenen Alltagsgeräuschen arbeitete. Das passt zu Bangalter, einem Künstler, der die Avantgarde der Mitte des 20. Jahrhunderts ebenso liebt wie die House-Musik der 1990er-Jahre. „Das Schönste an Musik sind Vielfalt und Gegensätze“, sagt er. „Lyrik und Radikalität können friedlich nebeneinander existieren.“ Vive la révolution.
5. Juni 2026 8 Titel, 50 Minuten ℗ Alberts & Gothmaan, 2026 Under exclusive licence to Parlophone Records Ltd.
MUSIKLABEL
Warner ClassicsAuf diesem Album
Produktion
- Thomas BangalterProduzent:in
- Thomas BangalterIngenieur:in
- Florian LagattaMischtechniker:in, Mastering-Ingenieur:in