Als Bertrand Chamayou den Zyklus „Lieder ohne Worte“ von Felix Mendelssohn Bartholdy einspielte, durchlebte er gerade ein veritables Gefühlschaos. Was für den französischen Pianisten eine persönliche Krise war, erwies sich als Glücksfall für die Interpretation einer Musik, die allzu oft als emotional belanglos abgetan wird – ein geradezu absurder Vorwurf, lauscht man diesen leidenschaftlichen und zugleich außerordentlich feinsinnigen Einspielungen. Mit unendlich subtiler Kantilene und kompromissloser Fokussierung macht Chamayou die tiefere Emotion spürbar, die diesen 48
Stücken innewohnt, und arbeitet den expressiven Charakter der Werke heraus, bis sich jedes mit seiner ganz eigenen Stimme offenbart.
Während vertraute Klassiker aus dem Klavierunterricht nicht fehlen, wie etwa das bezaubernde Opus Nr. 4 aus dem ersten Heft oder das „Frühlingslied“ aus dem fünften Heft, hat das Album doch weit mehr zu bieten. Chamayou offenbart Mendelssohn Bartholdys innere Welt: einen intimen Raum voller Sehnsucht, Melancholie, Angst und Hoffnungen. Das „Agitato“ aus dem dritten Heft, die zwei darauffolgenden Titel mit ihrer Besinnlichkeit oder der ergreifende „Trauermarsch“ aus dem fünften Heft – Chamayou gibt uns reichlich Gelegenheit, darüber zu staunen, welch immense Ausdruckskraft diese Musik ganz ohne Worte entfalten kann.
Unser Favorit: Das „Venezianische Gondellied“ aus dem fünften Heft (Titel 5, Disc 2) bringt die sprichwörtliche Tiefe stiller Wasser vollendet zum Ausdruck. Mit berückender Phrasierung und dramatischen Kontrasten verleiht Chamayou der Traurigkeit in Mendelssohns wiegender Melodie besondere Tiefe.