Nikolaus Harnoncourt erreichte sein größtes Publikum mit seiner Studioaufnahme von Ludwig van Beethovens sämtlichen Sinfonien, die 1991 veröffentlicht wurde. Und doch überrascht seine Interpretation dieser Werke in den rund zwölf Jahre später mit den Wiener Philharmonikern entstandenen Liveaufnahmen noch immer durch ihre Frische.
Selbst die „1. Sinfonie“, die in den 1790er-Jahren im Schatten von Wolfgang Amadeus Mozart und Franz Joseph Haydn entstand, wirkt unter Harnoncourt frisch und voller Elan. Seine vielleicht größte Überraschung: wie entspannt und heiter er den Anfang gestaltet. Im liedhaften zweiten Thema gibt er den Holzbläsern Raum zum Atmen, statt – wie so oft üblich – die gespannte Energie des vorangehenden Streicherthemas weiterzutragen. Dadurch entfaltet die Wucht der folgenden Durchführung umso größere Wirkung – und das noch bevor im dritten Satz das markante Spiel der Synkopen einen wirkungsvollen Kontrast zum sprudelnden Finale bildet.
Auch in der „7. Sinfonie“ verblüfft der Dirigent mit einem gemächlichen Beginn, der allmählich an Tempo und Schwung gewinnt, bis schließlich das eigentliche „Allegro“ erreicht ist. Richard Wagners Beschreibung der Sinfonie als „Apotheose des Tanzes“ wird in dieser Interpretation unmittelbar erfahrbar: Selbst der zweite Satz wirkt anmutig und in Bewegung; durch das unerwartete Auftreten der Fuge gewinnt er zudem einen Hauch von Schalk. Nach einem kraftvollen dritten Satz führt Harnoncourt, wie schon in der „1. Sinfonie“, sein Orchester in ein sprudelndes Finale, das mit einem begeisterten Applaus des Publikums endet.