

„Real Life“ führt das Attacca Quartett in den Bereich des elektronischen Pop. Für die meisten Streichquartette wäre das ein überraschender Schachzug. Aber für dieses abenteuerlustige US-amerikanische Ensemble ist es ein logischer nächster Schritt. Auf ihren acht seit 2013 veröffentlichten Alben haben sich die Attaccas mit so vielfältiger Musik wie Joseph Haydn, John Adams, Mieczysław Weinberg und der zeitgenössischen Komponistin Caroline Shaw auseinandergesetzt (das 2019 erschienene „Orange“, auf dem sie Shaws Musik spielen, zementierte ihren Ruf als innovative Musiker). „Wir wollen die Erwartungen weiter ausdehnen, um mehr von unseren vielfältigen Interessen einbeziehen zu können“, sagt Bratschist Nathan Schram gegenüber Apple Music. „Elektronische Musik gibt uns das Gefühl, unser wahres instrumentales Selbst zu sein.“ „Real Life“ ist deshalb so überzeugend, weil die offensichtliche Liebe der Gruppe zu elektronischem Pop im Vordergrund steht, wobei jedes Mitglied des Quartetts seine Lieblingstracks vorschlug. „Ich fühlte mich wie ein Kind in einem Süßwarenladen, als ich Thundercat und Flying Lotus und so viele andere großartige Künstler:innen hörte“, verrät der zweite Geiger Domenic Salerni. Neben diesen Namen finden sich auf der Tracklist des Albums auch Stücke des US-Produzenten und Multi-Instrumentalisten Louis Cole („Real Life“), der kanadischen Elektronikgruppe The Halluci Nation („Electric Pow Wow Drum“) und der Cellistin/Komponistin Anne Müller („Drifting Circles“) sowie Originalmusik, die US-Producer Daedelus und der britische Elektronikmusiker, Produzent und DJ Squarepusher für die Attaccas geschrieben haben.Jedes Mitglied der Attaccas beteiligte sich dabei an den Arrangements. Zudem arbeiteten sie mit dem amerikanischen Komponisten, Produzenten und Multiinstrumentalisten Michael League zusammen, den der:die Attacca-Cellist:in Andrew Yee als „gleichberechtigten Partner“ bezeichnet. „Es wurde viel im Studio herumgespielt. Es fühlte sich wie der Bau eines musikalischen Spielplatzes an. Es hat einfach sehr viel Spaß gemacht.“ All das führte zu einer überaus kompakten, spannenden und oft düsteren Hommage an große moderne Musik, die ein Beweis für die endlose Vielseitigkeit dieses Streichquartetts ist. Lies weiter, wie Yee, Schram und Salerni uns durch die kaleidoskopischen Klänge von „Real Life“ führen. „Electric Pow Wow Drum”Andrew Yee: 2020 saß ich während der Pandemie mit einer Gruppe von Freund:innen auf dem Bürgersteig vor ihrem Haus auf Campingstühlen herum. Ich erzählte ihnen, dass ich elektronische Musik zum Arrangieren suchte. Eine:r von ihnen sagte: „Das hier musst du dir anhören“ und machte „Electric Pow Wow Drum“ von A Tribe Called Red an, die sich mittlerweile The Halluci Nation nennen, eine Gruppe aus der kanadischen Urbevölkerung. Die Musik war einfach unglaublich ehrlich und aufregend, und ich ging an diesem Abend nach Hause und begann, auf dem Cello herumzuspielen. Als ich es der Gruppe schickte, sagten alle: „Ja, das muss unbedingt auf das Album.“„Real Life“Nathan Schram: Das ist ein Stück von Louis Cole, einem unglaublichen Schlagzeuger und Pop-Typen. Wir wollten alle einen Louis Cole-Track aufnehmen, und Amy (Schroeder, die erste Geige des Attacca Quartetts) übernahm die Aufgabe, einen auszuwählen. „Real Life“ ist fast wie eine Parodie auf einen Dance-Song, und Amy hat sich da richtig reingefuchst. Wir haben uns alle dafür entschieden, voll auf Disco zu gehen und den Song nah an der Grenze zum Kitsch anzulegen – weil Louis einfach so ist! Er nimmt etwas, das vielleicht ein bisschen kitschig ist, und wirft sich da voll und ganz hinein. Amy hat einen ganze Arbeit geleistet, um das zu arrangieren.„Why?“Domenic Salerni: „Why?“ ist von einem Album des (südkoreanischen Folktronica-Musikers) Mid-Air Thief namens „Crumbling“, das Nathan entdeckt hat. Es ist einfach unglaublich – total genresprengendes Zeug. Das Stück hat diesen verrückten, aleatorischen, traumähnlichen Anfang, und wir haben viele kleine Ausschnitte davon gesampelt. Irgendwann haben wir eine Version in Nathans Heimstudio aufgenommen, und er hatte eine Idee: „Was, wenn ich einfach auf ‚rückwärts‘ drücke?“ Plötzlich klang es wie das Original, mit nur diesem einem Effekt drauf. Ich erinnere mich auch daran, dass ich mir einen Track von Billie Eilish anhörte und nur auf dieses unglaublich nahe Mikrofon achtete und ihre sehr reduzierte Gesangstechnik. Das haben wir für alle Gesangsparts verwendet.„Clock Catcher“Schram: Die drei Stücke von Flying Lotus („Clock Catcher“, „Remind U“ und „Pilgrim Side Eye“) waren als aufeinanderfolgende Suite konzipiert, deshalb stehen sie nacheinander auf dem Album. Dies ist der erste Song auf dem 2010 erschienenen Album von Flying Lotus, „Cosmogramma“. Von Anfang an herrscht darin einfach eine wilde Elektrizität. Und genau das wollte ich schon immer mit einem Quartett ausprobieren: Wie wild können wir das Streichquartett klingen lassen? Als ich außerhalb des Streichquartett-Genres Musik fand, die so wild war, konnte ich kaum erwarten, das umzusetzen.„Remind U“Schram: Das war eine wirklich coole Zusammenarbeit mit (der US-Produzentin und DJane) TOKiMONSTA. Das wäre nicht möglich gewesen, wenn Sony uns nicht mit ihrer Musik bekannt gemacht und den Kontakt hergestellt hätte. Aber wir waren nie mit ihr im Studio, und wir haben sie auch nicht persönlich getroffen. Ich denke, so wird heutzutage eine Menge Musik gemacht, und es war wirklich interessant, auf diese Weise zu arbeiten. „Remind U“ sollte eigentlich eine Art Ruhe vor dem Sturm sein, aber als TOKiMONSTA den Song in die Hände bekam, verwandelte sie ihn in etwas, das einen gewissen Vintage-Vibe besaß. Sie hat dafür gesorgt, dass sich der Track wie eine Erinnerung an eine Kindheit in den 90ern anfühlt.„Pilgrim Side Eye“Schram: Auch das ist ein Teil dieser Flying Lotus-„Suite“. Darüber, dass Flying Lotus einen Anteil an dem Album hat, freute ich mich am meisten. Als ich seine Musik hörte, war sie in jeder Zeile wahnsinnig lebendig, veränderte sich ständig im Detail wie im Gesamtinhalt. Sie scheint perfekt zu sein, weshalb ich Flying Lotus wirklich als einen richtigen Komponisten betrachte. Wir wollten den Leuten zeigen, dass diese Musik in unseren Augen genauso legitim ist wie Beethoven. „Pilgrim Side Eye“ ist eher schrullig. Das Großartigste an diesem Stück ist Andrews Basslinie, die im Original von Herbie Hancock gespielt wird.„Xetaka 1“Yee: Als wir erfuhren, dass Squarepusher ein Stück für uns schreiben würde, konnten wir es kaum glauben. Aber die Musik war so unglaublich schwierig, dass ich nicht wusste, was ich tun sollte! Es war, als wenn man zum ersten Mal eine Partitur von Charles Wuorinen oder irgendeinem abgefahrenen Komponisten sieht: Man weiß einfach nicht, wo man überhaupt anfangen soll, sie zu lernen! Wir mussten langsam starten und darauf aufbauen. Aber es war eine der spannendsten Aufnahmesessions, an die ich mich erinnern kann. Dieses Stück bewegt sich in einem Bereich, für den wir eher bekannt sind, ist näher am Stil eines John Adams. Es ist ein modernes klassisches Stück, besser kann ich das nicht beschreiben.„Holding Breadth“Salerni: Daedelus schickte Nathan eine Ableton-Session – das ist eine Software, mit der man Musik im Computer aufnehmen kann. Wir hatten also dieses ziemlich komplizierte Gebilde mit vier verschiedenen Klangwelten, die die Instrumente des Streichquartetts repräsentierten. Und wir zerbrachen uns den Kopf: Was sollten wir damit machen? Ich habe die Datei dann in Sibelius transkribiert und die Streicherparts für alle ausnotiert. Es besaß einen interessanten Vibe, aber wir waren uns nicht wirklich sicher. Wir sprachen mit Daedelus, und er:sie war wunderbar kreativ und schenkte uns eine Menge Vertrauen.„Drifting Circles“Salerni: Andrew war es, der mich auf Anne Müller aufmerksam machte. Sie schrieb das Original dieses Tracks – er ist auf ihrem Album „Heliopause“ zu finden. Sie bekam unsere Scratch-Tracks erst zwei Tage, bevor wir ins Studio gingen. Von all denen, die auf unserem Album dabei sind, ist sie am ehesten mit Flying Lotus vergleichbar. Auch sie hat eine sehr genaue Vorstellung davon, was sie möchte. Als sie das Stück hörte, sagte sie: „Oh, ich finde es wirklich toll, was ihr gemacht habt. Und hier sind meine Anmerkungen.“ Sie hatte einige großartige Ideen, und wir haben sie alle eingearbeitet.„More Love Less Hate”Schram: Dieser Track wurde zu etwas völlig anderem als das Original [von Louis Cole]. Er wurde zu einer Art ozeanischem Amalgam aus den unterschiedlichsten Gefühlen, die wir bei dieser Musik empfanden. Es ist das am stärksten improvisierte Stück des Albums, wir haben einfach alles hineingeworfen, was in dem jeweiligen Moment passend schien. Ich denke, deshalb fühlt es sich als Abschlussstück so besonders an.
9. Juli 2021 10 Titel, 31 Minuten ℗ 2021 Sony Music Entertainment
MUSIKLABEL
Sony ClassicalProduktion
- Domenic SalerniCo-Produzent:in
- Nic HardProduzent:in
- Andrew YeeCo-Produzent:in
- Michael LeagueProduzent:in
- Nathan SchramCo-Produzent:in
- Amy SchroederCo-Produzent:in
- TOKiMONSTAProgrammierung
- SquarepusherProgrammierung
- DaedelusProgrammierung
- David TurkIngenieurassistent:in
- Nic HardMischtechniker:in
- Diko ShoturmaAufnahmeingenieur:in