Stephan Moccios „Tales of Solace“, 2020 in den düsteren Tagen der Pandemie veröffentlicht, war ein wegweisendes Album mit halb improvisierten Solostücken, die in den Monaten der Abschottung Trost spendeten. Ein Jahr später meldete sich der Oscar- und GRAMMY-nominierte Komponist, Pianist, Songwriter und Produzent, der bereits mit Céline Dion, The Weeknd, Dua Lipa, Miley Cyrus und weiteren Künstler:innen zusammengearbeitet hat, mit einem zweiten Klavieralbum zurück: „Lionheart“. Es ist voll von faszinierenden, starken Melodien und verkörpert Themen wie Hoffnung und Liebe, auch durch die Wahl des Titels, die Moccio schon früh in der Produktion des Albums getroffen hat. „Ich war auf der Suche nach einem Wort, das am besten einen Ritter in glänzender Rüstung beschreibt“, sagt Moccio gegenüber Apple Music. „‚Lionheart‘ umschreibt passend, was ich war und wo ich in meinem Leben stand. Irgendwie hat das die Richtung vorgegeben und war vielleicht ein unterschwelliger Grund, warum ich bewusst auf starke Melodien gesetzt habe.“Moccio schreckt nicht vor Themen wie Einsamkeit und Trauer zurück. Gleichzeitig blickt das Album aber auch in eine hoffnungsvolle Zukunft, wie etwa mit der rührenden musikalischen Hommage an Moccios heranwachsende Tochter („Esmé’s Waltz“) und dem wunderschönen, schwungvollen Porträt von Monets Garten („Le Jardin de Monsieur Monet“), dessen verträumte Filmmusik-Harmonien Optimismus versprühen. „Auch wenn es auf ‚Lionheart‘ einige düstere, nachdenkliche und introspektive Stücke gibt“, erklärt er, „so vermittelt es doch eher ein Gefühl des Aufbruchs und der Hoffnung. Ich bin ein großer Fan des Filmemachers Ken Burns, der einmal gesagt hat, dass es wichtig ist, sein Publikum in die Hölle zu schicken und es dann wieder herauszuführen. Und das habe ich sehr ernst genommen. Ich glaube, das ist meine beste Arbeit. Es ist mein konzentriertestes, sorgfältigstes und melodischstes Werk.“ Lass dich von Moccio Track für Track durch „Lionheart“ führen.„My Beloved Twin Flame...“„My Beloved Twin Flame...“ ist wie der Beginn einer Erzählung, ein bisschen wie der Track „Il Était Une Fois“, mit dem „Tales of Solace“ beginnt. Es erinnert an die romantische Vorstellung von jemandem, der mit einem Federkiel an seine Geliebte schreibt. Als ich mir das Stück anhörte, dachte ich, dass die Musik in einem historischen Film spielen sollte und dass der Filmkomponist Alexandre Desplat sie komponiert haben könnte. Es ist wahrscheinlich das einzige Stück, dessen Titel ich mir wegen seines Sounds ausgedacht habe.„Lionheart“„Lionheart“ hat eine so kraftvolle Ausstrahlung. Ich dachte, es sei eine zu intensive Melodie, eine zu starke Performance, um das Album zu eröffnen. Ich mag es immer, die Leute sanft einzustimmen, also habe ich es bewusst als zweiten Titel gewählt. Er beschwört Entschlossenheit herauf, Mut und einen unerschütterlichen Glauben an etwas und den Willen, es einfach durchzuziehen. Er ist wie ein Ritter mit einem Schwert, der nicht jemanden verletzen will, sondern tut, was richtig und gerecht ist. Das hat etwas Nobles.„Havanna 1958“Die Rhythmen, die ich hier verwende, haben mich an Havanna und seine leuchtenden Farben erinnert, besonders an das Goldene Zeitalter der kubanischen Stadt. Ich habe mich für 1958 entschieden, weil das während der guten Zeiten war, bevor Fidel Castro an die Macht kam. Das gedämpfte Klavier verleiht dem Song eine gewisse Distanz und eine Dave Brubeck-mäßige Sexyness. Der Track dient auch als eine Art Ausgleich nach „Lionheart“.„Myrtle“Das Wort „Myrtle“ symbolisiert für mich viele verschiedene Dinge. Ich gebe mir immer Mühe, mindestens ein Stück auf meinen Alben nach einer bestimmten Farbe zu benennen. Auf „Tales of Solace“ gab es ein Stück namens „Burgundy“. Ich bin Synästhet [Musik kann von manchen Menschen als Farben „gesehen“ werden], deswegen ist das Element der Farben in meinen Werken so wichtig. Diese Musik strahlt eine so positive Stimmung aus – leicht und hoffnungsvoll –, dass sie mich an die Farbe „Myrtle“ erinnerte. Das Stück ist eines von denen, die in einem Take entstanden sind.„Castles In Spain“Dieses Stück steht ganz im Zeichen der Utopie, die man im realen Leben nicht wirklich erreichen kann. Ich war noch nie in Spanien, ob du es glaubst oder nicht, und eigentlich möchte ich mit diesem Stück nur sagen: „Ich will nach Spanien!“ Ursprünglich hatte ich „Castles In Spain“ für „Tales of Solace“ komponiert und eingespielt. Aber ich hatte das Gefühl, dass es nicht das Richtige für „Tales“ war, weil es zu spanisch klang – das Album war mehr die Reflexion eines Mannes, der eine kathartische Erfahrung durchmacht. Aber für „Lionheart“ war es perfekt.„Le vent et la jeunesse“Debussy, Satie und all diese großen impressionistischen Komponisten haben mich stark beeinflusst. Bei diesem Stück fühlte ich mich wie ein kleines Kind, das den Wind im Gesicht spürt und die Grashalme betrachtet, während es an einem heißen Sommertag einfach so daliegt. Es hat eine Unschuld und eine Leichtigkeit, die für eine gewisse Auflockerung sorgen nach „Castles In Spain“ mit seinem dunklen Moll. Ich empfinde Tonarten wie Farben, und diese beiden Tracks schienen gut zusammenzupassen. Ich nehme die Reihenfolge meiner Stücke sehr ernst. „After Midnight“Das ist das einzige abstrakte Stück auf dem Album, würde ich sagen. Es spiegelt wider, wie es sich anfühlt, wenn ich nachts um 3 Uhr mit meinen Gedanken allein bin. Es hat einen irgendwie bangen Grundton, aber es steckt auch Nachdenklichkeit darin, Selbstbetrachtung, ein bisschen Dunkelheit und auch Hoffnung. Es fühlt sich für mich sehr nach einer Filmmusik von Thomas Newman an. Ich bin ein großer Fan von Newman, weil er dieses einzigartige Talent hat, alle Gefühlslagen in einem Musikstück zu kombinieren, von Spannung bis Hoffnung.„Le Jardin de Monsieur Monet“Ich bin besessen von Büchern, und ganz besonders mag ich schöne Bildbände. Während der Aufnahmen überschwemme ich meine ganze Umgebung mit schönen Kunstbüchern. Die bildende Kunst hat einen großen Einfluss auf mich. Während dieses Stück direkt aus meinen Fingern floss, hatte ich ein Buch über impressionistische Kunst aufgeschlagen, in dem es um Giverny, den Garten von Monet in Frankreich, ging. Für mich ist dieses Stück buchstäblich ein Blumenstrauß. Es ist einfach so hoffnungsvoll, so hell und so lebendig. Und ich bin zutiefst beeinflusst von der Musik des Impressionismus, von Debussy, Ravel, Satie und all den französischen Komponisten dieser Zeit.„Esmé’s Waltz“Mein erstes Album „Exposure“ [erschienen 2006] war eine Widmung an meine beiden Kinder. Der Spitzname meiner Tochter ist Esmé, und da sie jetzt langsam ein Teenager wird, ist dies eine weitere Ode an sie. Die Musik hat etwas Hoffnungsvolles, wenn ich sie auf ihrem Weg durch das Leben beobachte, aber sie enthält auch all die Fallstricke und die Schattenseiten des Lebens. „Alice’s Wonderland“Es gibt ein psychedelisches Element in der Harmonik dieses Stücks und mich hat es ein bisschen an Alice erinnert, die sich die Dinge im Wald anschaut. Es hat die Sensibilität einer Filmmusik. Ich bin ein großer Tim Burton-Fan und liebe seine Interpretation von „Alice im Wunderland“. Ich mag dieses Stück auch deshalb, weil es so anders klingt als der Rest des Albums.„The Past Is Never Gone“Wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass man sich seiner Vergangenheit stellen muss, und das ist Teil des Leitmotivs von „Lionheart“. Wer glaubt, dass Weglaufen eine Lösung ist, der irrt sich. Dieses Stück fühlte sich auch an wie der Teil eines Films, in dem der Protagonist herausfindet, dass er mutig sein und sich seinen Dämonen stellen muss. Im Leben geht es nur darum, vorwärts zu gehen – das ist die einzige Richtung, die man wirklich sehen kann. Wenn du ständig zurückblickst, kommst du nicht voran und entwickelst dich nicht weiter. Aber du kannst die Vergangenheit auch nicht ignorieren.„Agape“Agape ist die höchste Form der Liebe, sie bedeutet, dass man eine Menge von sich selbst geopfert hat. Das Stück hat etwas Gütiges an sich und ist in C-Dur geschrieben, was in vielerlei Hinsicht die reinste Tonart ist. Es lässt mich an all die Menschen denken, die ich am meisten liebe und die nichts als freundlich und geduldig sind. Das können meine Familie oder meine Freund:innen sein. Um dahin zu gelangen, wo ich jetzt bin, brauchte es viele Opfer und viel Geduld von den Menschen um mich herum. Mit diesem Stück möchte ich ihnen etwas zurückgeben.„Halston“Dieser Track klingt wie der Soundtrack zu einem europäischen Film, wie etwas von Michel Legrand oder Nino Rota. Bevor „Halston“, die Netflix-Serie mit Ewan McGregor in der Hauptrolle, [2021] herauskam, gab es einen Dokumentarfilm über [den legendären amerikanischen Modedesigner, richtiger Name Roy Halston Frowick] unter der Regie von Frédéric Tcheng. Halston entwarf wunderschöne Kleider für die mächtigsten Frauen der damaligen Zeit. Er lebte ein hartes Leben: Sex, Drogen, Rock ’n’ Roll, alles. Und dann verkaufte er schließlich seinen Namen an [die US-Kaufhauskette] JCPenney und verlor die Kontrolle über das, was ihn groß gemacht hatte. Seine Geschichte ist eine bittersüße Tragödie, und ich denke, man kann das in diesem Stück hören.„Fireflies“„Fireflies“ hat eine wunderschöne Vier-Akkord-Folge – ein Gefühl von Aufschwung und Hoffnung. Und das ist mein Ken Burns-Moment. Mit „Halston“ habe ich mein Publikum mit einem dunklen Stück „in die Hölle geschickt“. Und mit „Fireflies“ versuche ich, ihnen das Gefühl zu geben, dass es doch noch etwas Gutes in dieser Welt gibt. Wenn du jemals ein Feld voller Glühwürmchen gesehen hast, weißt du, wie atemberaubend das ist. Es ist wunderschön, wie es leuchtet. Und dieser Track hat genau das, sowohl modal als auch musikalisch. Er klingt nach U2, nach Coldplay, ist irgendwie klassisch und irgendwie poppig – und doch nichts von alledem. Ich denke, als Pop-Produzent werde ich vielleicht auch einen Song dazu schreiben. Ich liebe dieses Stück Musik wirklich.