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- 2016 · 4 Titel · 1 Std. 1 Min.
Sinfonie Nr. 6 in A‑Dur
WAB 106 · “Die Philosophische”
Jahrelang war Anton Bruckners „6. Sinfonie“ das Aschenputtel des Zyklus. Und sie ist sicherlich auch die rätselhafteste. Für manche ist vor allem der Schluss seltsam zweideutig – keineswegs die allumfassende Affirmation, mit der so viele seiner Sinfonien enden. Das mag Bruckners Gemütszustand zu der Zeit widerspiegeln, als er sie schrieb. Nach der katastrophalen, demütigenden Uraufführung seiner „3. Sinfonie“ im Jahr 1877 (die „4.“ und die „5.“ blieben unaufgeführt), wartete Bruckner zwei Jahre, bevor er mit der Arbeit an der „6. Sinfonie“ begann. Ausgegrenzt und verspottet in seiner Wahlheimat Wien und einsam und deprimiert, weil er immer noch keine Frau gefunden hatte, hätte Bruckner guten Grund gehabt, an seiner „Berufung“ zu zweifeln. Der erste Satz scheint zunächst zu versuchen, einen helleren Ton anzuschlagen, mit einem lebhaften Tanzrhythmus anstelle des üblichen geheimnisvollen Streichertremolos. Doch schon bald wird es wieder düster und das darauf folgende Adagio ist voller Trostlosigkeit und vereitelter Hoffnungen, zumindest bis zur herrlich resignierenden Coda. Ein gespenstisches Scherzo voller unheimlicher Anklänge an Gustav Mahler führt zu einem der verwirrendsten Stop-Start-Finale von Bruckner. Man kann zwar meinen, dass Bruckners religiöser Glaube bis zum Schluss aufrechterhalten wird, doch subversive, zweifelnde Momente drängen sich fast bis zur letzten Minute auf. Unvoreingenommene Hörer:innen erwartet in der „6. Sinfonie“ jedoch eine bewegende und fesselnde Geschichte mit ganz eigener Kraft.