
- WIR EMPFEHLEN
- 1987 · 3 Titel · 9 Min.
Violinkonzert in g‑Moll
RV 315, Op. 8/2 · “Der Sommer aus Die vier Jahreszeiten”
Es ist „Sommer“ und der Mensch zerfließt in der Hitze der Sonne. Gemeint ist das zweite der vier Geigenkonzerte, aus denen Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ bestehen. Die bleiche Landschaft, geschaffen von schwebenden Geigen, wird im zweiten Teil durch Vogelstimmen aufgewühlt. Im begleitenden Sonett werden eine Turteltaube und ein Distelfink erwähnt, aber alles, was wir hören, ist ein Kuckuck, der träge zwischen den Geigen hereinruft. Ein fröstelnder Windstoß der Solist:innen nimmt in den wirbelnden oberen Streichern schnell an Fahrt auf. Für einen Moment scheint er vorbeigezogen zu sein, doch dann kehrt er mit voller Wucht zurück und treibt den Satz zu seinem aufregenden Ende. Im zentralen „Adagio“ fürchtet ein Hirte den aufkommenden Sturm. Seine Angst spiegelt sich in der Melodie des Solos wider, die eine Dissonanz nach der anderen aufbaut. Die Streicher um ihn herum flattern und klappern mit einem mürrischen Insektenbrummen – die Mücken und Fliegen des begleitenden Sonetts. Als der lang erwartete Sturm endlich niedergeht, werden sie vom finalen Presto brutal weggefegt. „Ach, wie wahr sind seine Befürchtungen,es donnert und blitzt der Himmel, und Hagel bricht das Haupt der Ähren und des hohen Getreides“, heißt es im Gedicht. Auch ohne diesen erzählerischen Hinweis lassen die peitschenden Sechzehntelnoten, die durch die Streicher auf- und abfahren, und die Blitze, die mit blendendem Glanz durch die Sologeige zucken, keine Zweifel aufkommen. Die gewaltige Virtuosität hier ist mitreißend, das Orchester verwickelt die Zuhörer:innen in einen kraftvollen, wirbelnden Tanz, aus dem es kein Entkommen gibt. Über „Die vier Jahreszeiten“ Von einem plötzlichen Frühlingsgewitter bis zur trägen Sommerhitze, von Ernteliedern und -tänzen (und dem Trinken, das sie beflügelt) bis zur bibbernden Kälte des Winterwinds – Antonio Vivaldis „Die vier Jahreszeiten“ ist ein lebendiges Porträt eines Jahres auf dem Land, gemalt in Klängen. Die 1725 veröffentlichten vier Geigenkonzerte bilden den Auftakt zur größeren Sammlung „Il cimento dell’armonia e dell’inventione“ (Das Wagnis von Harmonie und Erfindung), doch sie standen schon immer für sich: beschreibende Musik in einem Zeitalter der Abstraktion, Filmmusik lange vor dem Film selbst. Zu ihrer Zeit noch als Spielereien oder wilde Innovationen abgetan, dauerte es mehr als 200 Jahre, bis diese klanglichen Momentaufnahmen einen festen Platz im Repertoire fanden.