Sinfonie Nr. 4 in G‑Dur

Auf den ersten Blick ist Gustav Mahlers „Vierte Sinfonie“ (1899–1900) seine bescheidenste, ruhigste Sinfonie. Für ein relativ kleines Orchester komponiert, dauert sie normalerweise weniger als eine Stunde. Das für das Finale verwendete Lied stammt ursprünglich aus der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“ und spiegelt in süßer Naivität die Vorstellung eines Kindes vom Himmel wider. Der unschuldige Neoklassizismus des ersten Satzes und der köstlich düstere Nachttanz des Scherzos, mit einer um einen Ton heraufgestimmten Solovioline, scheinen ebenfalls den Eindruck zu bestätigen, dass diese Sinfonie eine liebevolle Darstellung der Kindheit ist. Oder zumindest einer Kindheit, wie die meisten von uns sie gerne in Erinnerung hätten. Das mag Mahler im Sinn gehabt zu haben, als er mit der Arbeit an der Sinfonie begann, doch die Musik schlug eine andere Richtung ein – idyllisch Schönes steht hier direkt neben gespenstisch Verstörendem. Wirklich albtraumhafte Elemente sind zwar selten, aber es gibt durchaus Schatten: ein Vorgeschmack auf den düsteren „Trauermarsch“ der „Fünften Sinfonie“ im ersten Satz, ein Aufblitzen echter Beunruhigung im Scherzo, elegische Traurigkeit im Adagio des dritten Satzes („Ruhevoll“) und Andeutungen im Finale, dass im Himmel des Sängerkindes nicht alles eitel Sonnenschein ist. Innovativ und großartig ist die Sinfonie in ihrer Art und Weise, wie sie sich auf das bereits bestehende Liedfinale hin entwickelt. Und das Ende ist sehr bewegend – egal, wie man das Werk interpretiert.

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