Adagio in g‑Moll
Tomaso Albinoni ist unter den großen Komponist:innen praktisch einzigartig, denn seine Popularität beruht fast ausschließlich auf einem Stück, das er gar nicht geschrieben hat: das eindringliche „Adagio“ für Orgel und Streicher. Im 20. Jahrhundert tauchten eine Reihe von musikalischen Fälschungen auf, die sich als Wiederentdeckungen verschollener barocker und klassischer Stücke ausgaben, darunter das Violinkonzert „Adélaïde“ von Wolfgang Amadeus Mozart, das sogar in den offiziellen Köchel-Katalog aufgenommen und von Yehudi Menuhin eingespielt wurde, bevor der französische Geiger und Komponist Marius Casadesus 1977 seinen Betrug zugab. Albinonis „Adagio“ tauchte in den späten 1950er-Jahren auf. Der Musikwissenschaftler Remo Giazotto (der die Biografie des Komponisten erforscht hatte) behauptete, es basiere auf einem Fragment des langsamen Satzes einer Triosonate Albinonis, das er aus der Sammlung der Sächsischen Landesbibliothek in Dresden erhalten hatte. In der Bibliothek gibt es jedoch keine Aufzeichnungen darüber, dass es jemals existiert hat, Giazotto hat das Fragment nie vorgelegt, und nach seinem Tod 1998 wurde es nicht in seinem Nachlass gefunden. Infolgedessen wird das „Adagio“ heute weithin als ein Werk angesehen, das ausschließlich von Giazotto erfunden wurde.
