Felix Mendelssohn Bartholdy war ein außerordentliches musikalisches Talent: Sein Zeitgenosse Robert Schumann bezeichnete ihn als „Mozart des 19. Jahrhunderts“. Nach seinem frühen Tod im Jahr 1847 wurde seine Bedeutung indes unterschiedlich eingeschätzt. Seine besten Kompositionen schlagen die Brücke zwischen Antike und Moderne, Klassizismus und Romantik, sind stets von großer Brillanz und vielfach von tiefster emotionaler Intensität. Isata Kanneh-Mason hat für ihr viertes Soloalbum eine stimmige Auswahl seiner Klavierstücke getroffen und sie mit Werken seiner Schwester Fanny Mendelssohn kombiniert, deren wunderbare Musik sich immer größerer Aufmerksamkeit erfreut.
Kanneh-Mason krönt ihr Programm mit Fanny Mendelssohns „Ostersonate“, einem majestätischen viersätzigen Werk, das nach ihrem Tod für anderthalb Jahrhunderte in Vergessenheit geriet. Dass es nach seiner Wiederentdeckung in den frühen 1970er-Jahren zunächst ihrem Bruder zugeschrieben wurde, sagt viel über die vorherrschende patriarchalische Denkweise der Zeit aus. Von Fanny wurde im Gegensatz zu Felix erwartet, dass sie ihre musikalische Begabung nicht öffentlich zur Schau stellte. Lediglich im privaten Kreis war es ihr gestattet, ihre Werke aufzuführen.
„Um mich in Fanny hineinzuversetzen, beginne ich immer mit der Musik“, sagt Isata Kanneh-Mason gegenüber Apple Music Classical. „Ich achte also genau auf die Partitur und nutze natürlich meinen musikalischen Instinkt. Für dieses Album habe ich eine Menge über sie gelesen. Ich habe einige ihrer Briefe und Bücher über ihr Leben studiert und versucht, mich ihr auch auf diese Weise zu nähern. Fanny erscheint mir als äußerst zielstrebig. Sie fand Wege, Musik zu machen und zu komponieren, und sie hatte eindeutig große Schwierigkeiten in ihrem Leben, die sie mit Fassung trug.“ Die akribische Vorbereitung der Pianistin zahlt sich in ihrer Interpretation der „Ostersonate“ aus, vor allem in ihren zarten, ausdrucksstarken Schattierungen und ihrem liedhaften Charme.
Die Geschwister Mendelssohn stammten aus einer bemerkenswerten Familie: Ihr Vater war ein prominenter deutsch-jüdischer Bankier und Philanthrop, ihre Mutter eine versierte Musikerin und Förderin der Kultur. Ihr Großvater väterlicherseits, der Philosoph Abraham Mendelssohn, war eine herausragende Persönlichkeit der jüdischen Aufklärung, während ihre Großmutter mütterlicherseits, Bella Salomon, bei einem Schüler von Johann Sebastian Bach Klavierunterricht nahm. Und was hat es mit einer anderen bedeutenden Musikerdynastie auf sich, den sieben Geschwistern Kanneh-Mason? Erkennt Isata Parallelen zu den Mendelssohns? „Nein, ich glaube, sie waren viel aristokratischer“, antwortet sie entschieden.
An der aristokratischen Haltung von Isata Kanneh-Masons Klavierspiel in Felix Mendelssohns „Klavierkonzert Nr. 1“ kann es allerdings keinen Zweifel geben. Ihre Virtuosität ist atemberaubend, ebenso ihr Gespür für die zarte Lyrik der Komposition und ihrer vielfältigen Nuancen im Ausdruck. Das Werk, das in den ersten Monaten des Jahres 1831 in Rom entstand, erhebt sich von dem Moment an, in dem sie nach einer kurzen Orchestereinleitung wie ein Wirbelwind einsteigt. Kanneh-Mason fühlt sich im entrückten Andante ebenso wohl wie in den aufregenden Stimmungswechseln, die sich durch das Finale ziehen. „Es ist unglaublich aufregend“, sagt sie. „Es ist irgendwie nonstop – es fliegt einfach von Anfang bis Ende. Jedes Mal, wenn ich mich hinsetze, um es aufzuführen, muss ich tief durchatmen, bevor ich beginne. Wenn es erst einmal losgeht, bleibt keine Zeit mehr, sich zu sammeln!“