

Julien Chauvin hat lange überlegt, bevor er eine Version von Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ aufnahm. Der französische Geiger und Gründer des Ensembles Le Concert de la Loge wusste, dass das Werk bereits hunderte Male aufgeführt worden war. Doch er war der Meinung, dass es Platz für eine weitere Version gab – diesmal mit einzelnen Spieler:innen für jeden Part. Und damit zeigen Chauvin und sechs seiner Mitstreiter:innen bei Le Concert de la Loge, dass es immer noch Neues über Vivaldis Evergreen zu sagen gibt. Den Beweis dafür liefert das Ensemble auf „Vivaldi: Quatre saisons, L'été (Live)“, der ersten in einer Serie von vier EPs, die jeweils in der Saison 2023/24 veröffentlicht werden. Und während das an historischen Instrumenten spielende Septett der Versuchung widersteht, mit extremen Gesten zu schockieren, mangelt es ihnen bei dieser Darbietung von Vivaldis „Sommer“ nicht an Dramatik. Sie setzen die Szene mit einer angemessen schlaftrunkenen Einleitung, bevor der Kuckucksruf der ersten Violine das eröffnende Allegro zum Leben erweckt. Das Konzert, so Chauvin, verlangt von dem gesamten Ensemble, dass es die Klänge der natürlichen Welt heraufbeschwört. „Das ist heute eine Herausforderung“, sagt er gegenüber Apple Music. „Bei dem, was wir heute hören, sind wir so weit von der Natur entfernt. Wir hören Stadtgeräusche, nicht die der Natur.“ Le Concert de la Loge reiste vor den „Sommer“-Aufnahmen nach Venedig, die Heimatstadt Vivaldis, und fand Zuflucht auf einer der dortigen Inseln. „Das Magische an Venedig ist, dass es keine Autos gibt und du die Natur hören kannst – das Meer auf den Felsen, den Wind in den Bäumen, alles ist da. Das ist natürlich eine Inspiration. Aber man muss es sich zu eigen machen. Das ist eine Herausforderung“, erklärt Chauvin. „Ich bin kein Landwirt, also weiß ich nicht, wie es ist, wenn ich meine Ernte durch einen Sturm verliere, wie der Bauer im letzten ‚Sommer‘-Satz. Also muss ich mir dieses Gefühl selbst verschaffen. Das ist wie Schauspielerei.“ Chauvin und sein Ensemble wollten „Die vier Jahreszeiten“ in Venedig aufnehmen, doch der gewählte Veranstaltungsort sagte kurzfristig ab. Mit Hilfe der italienischen Botschaft in der Rue de Varenne fanden sie dann aber ein Stück Italien in Paris und waren die erste Gruppe, die in dem schmucken sizilianischen Theater aufnahm. Chauvin erhielt zudem eine Sondergenehmigung des Schlosses von Versailles, um sich einen der Schätze auszuleihen: eine Geige des Neapolitaners Nicolò Gagliano, die Prinzessin Adélaïde, der Tochter Ludwigs XV. gehört haben soll. „Ich war der Letzte, der auf ihr gespielt hat, und das war 2012“, erinnert er sich. „Ich erhielt das Instrument erst zwei Tage vor der Aufnahme und war mir nicht sicher, ob ich bereit sein würde. Was man hört, kommt aus dieser wunderbaren Geige – und spontan aus mir.“
26. Mai 2023 3 Titel, 10 Minuten ℗ 2023 Les Idées heureuses & Alpha Classics / Outhere Music France
MUSIKLABEL
Alpha ClassicsProduktion
- Louise BurelAssistent:in des:der Produzent:in
- Didier MartinAusführende:r Produzent:in
- Ken YoshidaSchnitttechniker:in, Mastering-Ingenieur:in, Aufnahmeingenieur:in
- Didier MartinA&R-Assistent:in