Die Aufmerksamkeit richtet sich oft auf die „Herbstwerke“ von Komponist:innen – Musik, die gegen Ende einer Karriere entstand und das Destillat eines ganzen Lebens widerspiegelt. Ludwig van Beethovens späte Streichquartette oder Gustav Mahlers letzte Sinfonien etwa gelten als einige der vollendetsten Leistungen der klassischen Musik. Aber was, wenn man den Blick in die andere Richtung wendet und die Stücke betrachtet, die geschrieben wurden, als der Frühling gerade erst begann? Auf „Opus 1“ versammelt die Pianistin Anna Geniushene eine Auswahl früher Werke von Frédéric Chopin, Pjotr Iljitsch Tschaikowski, Muzio Clementi, Robert Schumann, Johannes Brahms und Alban Berg, um deren kompositorische Anfänge zu beleuchten.
„Mich faszinieren Ausgangspunkte und die Frage, was Komponist:innen zum Komponieren bewegt“, erzählt Geniushene gegenüber Apple Music Classical. „Oft ist es eine ungeheure Herausforderung, den ersten Schritt zu wagen – ich wollte mehr über die frühen Lebensphasen dieser so bekannten Persönlichkeiten erfahren.“ Chopins Rondo in c‑Moll, Op. 1 (1825), geschrieben im Alter von 15 Jahren, lässt bereits die raffinierten Experimente mit Harmonie und Form erahnen, die später in seinen Sonaten voll ausgereift sein würden. Man hört sein unverkennbares Gespür für Lyrik, seine nachdenkliche Innigkeit. Doch noch steht die Musik – voller klarer Melodien und Verzierungen – stilistisch viel näher an der Klassik, der Epoche von Wolfgang Amadeus Mozart und dem frühen Beethoven. So fügt sie sich hervorragend neben Clementis elegante Sonate in Es‑Dur, Op. 1 Nr. 1, die 1771 als Teil eines sechsteiligen Zyklus veröffentlicht wurde. Es ist ein Werk, das eine andere Richtung darstellte: sowohl für den Komponisten als auch für das Klavier, das gerade seinen glanzvollen Auftritt als neues Instrument feierte.
Doch nicht alle begannen so früh. Tschaikowski war bereits in seinen Zwanzigern, als er seine juristische Laufbahn im Staatsdienst gegen die Musik eintauschte. Die hier aufgenommenen „Two Pieces“ wurden 1868 veröffentlicht, während seiner Tätigkeit als Professor am Moskauer Konservatorium. Das verspielte Scherzo erinnert an russische Volkslieder, das Impromptu hingegen wirkt eher besinnlich. Gerade dieses Stück war die erste Inspiration für das Album: „Ich liebe dieses Werk“, sagt Geniushene. „Ich finde sogar, dass es eine gewisse Ähnlichkeit mit ‚Subterranean Homesick Alien‘ von Radiohead hat. Ich bin ein großer Radiohead-Fan.“
Schumann stellte sich in seinem Opus 1 einer ungewöhnlichen Aufgabe – den „Abegg-Variationen“, die er mit 18 Jahren schrieb und die auf einer musikalischen Chiffre beruhen. Das Motiv „A-B-E-G-G“ soll sich entweder auf die Gräfin Pauline von Abegg beziehen oder auf eine imaginäre Freundin. Die kaskadenartigen Läufe und ausdrucksstarken Melodien sollten zu einem Markenzeichen seiner späteren Werke werden. Manchmal indes bilden frühe Kompositionen ein Sprungbrett für etwas völlig anderes. Bergs Klaviersonate Op. 1 entstand während seines Studiums bei Arnold Schönberg. Und obwohl sie bereits zukünftige modernistische Experimente anklingen lässt, ist sie doch vor allem durchdrungen von romantischer Leidenschaft. „Sie ist eine der schönsten einsätzigen Sonaten überhaupt“, meint Geniushene.
„Es erfordert Mut, etwas Bedeutsames zu teilen, wenn man noch nicht als Komponist:in anerkannt ist – genau dieser Wendepunkt hat mich besonders interessiert“, schließt Geniushene, die übrigens eine ungewöhnliche persönliche Verbindung zum Thema des Albums hat. „Ich wurde am 1. Januar 1991 geboren“, lacht sie. „in gewisser Weise bin ich also selbst ein Opus 1.“