Der deutsche Bariton Benjamin Appl stand kurz vor einer Karriere als Bankkaufmann, als er sich 2009 für eine Meisterklasse bei Dietrich Fischer-Dieskau bewarb. Der legendäre Sänger war beeindruckt von dem Talent und der Lernbereitschaft des jungen Appl und lud ihn ein, sein Schüler zu werden – es sollte sein letzter sein. Ihre Beziehung vertiefte sich in den verbleibenden vier Jahren bis zu Fischer-Dieskaus Tod und legte den Grundstein für Appls Ruf als einer der weltweit führenden Interpret:innen des deutschen Kunstliedes. Mit „Hommage à Dietrich Fischer-Dieskau“ legt der Sänger eine musikalische Würdigung seines Lehrers vor, die zum 100. Geburtstag von Fischer-Dieskau erscheint.
„Fischer-Dieskau hatte eine wunderschöne Stimme“, sagt Benjamin Appl im Gespräch mit Apple Music Classical. „Er war intelligent und fleißig. Er war sprachbegabt und hatte ein erstaunliches Gedächtnis für Details – aber er war auch voller Emotionen. So würde ich ihn in Kürze beschreiben. Andererseits sollte man nie vergessen, dass er trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen zur richtigen Zeit auftauchte: als es in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg kaum noch Sänger:innen gab. Plötzlich verkörperte dieser junge Mensch, der vor dem Krieg politisch nicht aktiv gewesen war, ein neues Deutschland und revolutionierte die Art und Weise, wie Lieder aufgeführt wurden.“
Zu Fischer-Dieskaus frühen „Schwierigkeiten und Herausforderungen“ gehörten der Tod seines Vaters, einem Amateurmusiker, Kriegserfahrungen an der Ostfront als Soldat der Wehrmacht und die Ermordung seines behinderten Bruders Martin, eines Opfers des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms. Womöglich wurde Fischer-Dieskau nur durch eine Granatverletzung beim Fronteinsatz und seine Gefangennahme durch amerikanische Truppen in Italien vor dem Tod bewahrt. In Kriegsgefangenschaft setzte er seine bereits ausgeprägten gesanglichen Fähigkeiten ein, um seine Kameraden musikalisch zu unterhalten.
„Diese frühen Jahre haben ihn sowohl als Mensch als auch als Musiker geprägt“, bemerkt Appl. „Wenn man seine ersten Aufnahmen aus den späten 1940er Jahren hört, klingt die Stimme oft schon so reif, und seine Kunstfertigkeit, künstlerischen Entscheidungen und Interpretationen sind ebenfalls ausgereift. Er hat durch den Krieg mehrere Lebensjahre verloren und zugleich in dieser Zeit so viel erlebt. Deshalb war er, als er am Anfang seiner Karriere Franz Schuberts ‚Winterreise‘ sang, bereits ein vollendeter Künstler.“ Fischer-Dieskau, fügt er hinzu, sei offen für neue Technologien gewesen und habe das Mikrofon geliebt. „Das war klug von ihm, im Vergleich zu anderen Sänger:innen, die das Mikrofon als Feind ansahen. Er hat es sich zu eigen gemacht.“
„Hommage à Dietrich Fischer-Dieskau“ drückt Benjamin Appls Verbundenheit mit seinem Lehrer aus. Die Trackliste des Albums markiert Kapitel im Leben des Sängers: So lernte Fischer-Dieskau Schuberts „An die Musik“ und führte erstmals Christian Sindings „Sylvelin“ sowie das Operettenlied „Ich bin nur ein armer Wandergesell“ während seiner Internierung im alliierten Kriegsgefangenenlager auf. Seine enge Freundschaft mit Benjamin Britten spiegelt sich in „Proverb III“ aus „Songs and Proverbs of William Blake“ sowie in „Hörnersang“ wider – Fischer-Dieskaus deutscher Übersetzung von „Bugles sang“ aus „War Requiem“.
Andere Stücke deuten auf Ereignisse in Fischer-Dieskaus Leben hin: etwa den Tod seiner Mutter (Hanns Eislers „Mutterns Hände“) und seiner ersten Frau (Schuberts „Süßes Begräbnis“), seine drei späteren Ehen (Schuberts „Liebhaber in allen Gestalten“) sowie die Geburt seiner drei Söhne (Bruno Walters „Des Kindes Schlaf“). Auch bislang unveröffentlichte Werke von Fischer-Dieskaus Vater Albert und seinem älteren Bruder Klaus, einem Musiker und Komponisten, sind hier zum ersten Mal zu hören. Darüber hinaus enthält das Album Lieder, die eng mit Appls Studium bei Fischer-Dieskau verbunden sind, darunter eine eindringliche Interpretation von Hugo Wolfs „Sterb’ ich, so hüllt in Blumen meine Glieder“.
Ergänzt wird Appls Album durch ein biografisches Essay, das reich mit Fotografien, Zeitdokumenten und Kunstwerken illustriert ist und Zitate aus Fischer-Dieskaus privater Korrespondenz enthält. Diese Einblicke, die den vielschichtigen Charakter des Sängers offenbaren, erforderten von Appl eine objektive Sichtweise. „Wenn man die Gelegenheit hat, vertrauliche Briefe zu lesen, muss man dem mit Respekt begegnen – insbesondere bei einer Persönlichkeit wie Fischer-Dieskau, der die Öffentlichkeit von seinem Privatleben fernhielt.“
Appls Auswahl an Liedern reicht über Fischer-Dieskaus Kernrepertoire hinaus und umfasst Stücke, die er nie aufgeführt oder aufgenommen hat, wie Erich Wolfgang Korngolds „Liebesbriefchen“ und Clara Schumanns „Liebst du um Schönheit“. „Natürlich hätte man seine Lieblingslieder von Schubert und so weiter wählen können“, sagt der Sänger. „Aber dann muss man sich fragen: Warum sollte man etwas aufnehmen, was er in so vollendeter Weise hinterlassen hat, dass man kaum heranreichen kann? Ich wollte ein Album schaffen, das ihm gerecht wird. Es war mir wichtig, mich auf ein Repertoire zu konzentrieren, das ihn und sein Leben geprägt hat. Einige Lieder auf dem Album stehen daher in direktem Bezug zu Musik, die er selbst interpretiert hat. Andere hingegen kommentieren sein Leben und spiegeln emotional Momente wider.“